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Newsletter Frühjahr 2018

Von Wolfgang Gollwitzer

Liebe Leserinnen und Leser unserer Newsletter,

dieses Mal soll einmal nicht die Gesundheit im Vordergrund stehen, sondern ein hildegardisch-theologisches Thema.

Von Hildegard v. Bingen kennen wir neben Briefwechseln und kleineren Schriften 4 große Werke. Es entstanden 1141 – 1151 „Scivias" – Wisse die Wege, 1151 – 1158 Physica und Causae et Curae – Ursachen und Behandlung von Krankheiten, 1158 – 1163 Liber Vitae Meritorum – Das Buch der Lebensverdienste und schließlich ihr Alterswerk 1163 – 1170 Liber de Operatione Dei – das Buch über die Werke Gottes.

Während von Scivias und de Operatione Dei zahlreiche illustrierte Visionen und Miniaturen bekannt sind, ist das Liber Vitae Meritorum (LVM) ohne jegliche Abbildung. Lediglich Hans Meyers, von 1962 bis 1992 Professor für Bildende Kunst und für Kunstdidaktik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main illustrierte um 1985 die in diesem Werk von Hildegard beschriebenen 35 Tugenden und Laster *)

Dies brachte mich auf die Idee, eine bildhafte Interpretation von Hildegards Einleitungs-Vision „Ich sah einen Mann. . ." zu versuchen.

Aufgrund der Auseinandersetzung der 35 Tugenden mit den 35 Lastern wird das LVM von vielen Hildegardfreunden auch als „Hildegards Psychotherapie" bezeichnet.

*) Abgebildet in Hertzka/Strehlow, Handbuch der Hildegard-Medizin, Bauer Verlag Freiburg 1987

Besonders Interessierte finden am Ende der Interpretation den hildegardischen Original Einleitungstext, übersetzt aus dem Lateinischen von Prof. Heinrich Schipperges, ehem. Ordinarius der Medizinisch-Historischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Interpretation zu meinem Aquarell „Ich sah einen Mann"

von Wolfgang Gollwitzer

Was ist eine Interpretation? Es ist eine subjektiv geprägte Deutung. Der Nächste kann manches jedoch anders sehen, worüber dann zu diskutieren wäre. Mein Bild ist meines Wissens die erste veröffentlichte Illustration der Einleitung aus Hildegard von Bingens Werk Liber Vitae Meritorum LVM. Es stammt aus ihrer großen Schreibperiode von 1158 - 1163. Ich habe dem Bild keine Umrandung gegeben, da sonst die Größe des geschaffenen Weltalls gesprengt würde, was sehr schwierig zu illustrieren wäre.

Aquarell: Wolfgang Gollwitzer

Darstellung der Himmelsrichtungen

Zunächst jedoch eine kleine Ausführung zu den im Text angegebenen Himmelsrichtungen:

Die ältesten bekannten Bezeichnungen der vier Himmelsrichtungen im Mittelmeerraum stammen aus der Bibel im Alten Testament AT vor circa 3500 Jahren. Es waren die natürlichen Grenzen Israels:

  • die grünen Hügel des Libanon im Norden (auf hebräisch Tsafon),
  • die trockenen Berge von Edom im Osten (Kedem),
  • die Wüste im Süden (Negew) und
  • das Mittelmeer im Westen(Yam - das Meer).(seitlich ein gezeichnetes Kreuz mit N, O, S, W)

Der Norden ist „oben", wie wir es heute noch benützen.

Im Mittelalter hingegen wird oft der Osten nach oben gestellt, also unsere heutige Vorstellung um eine Vierteldrehung nach links versetzt. Hiernach richtet sich auch die Beschreibung der „Gebäude des Heils" auf Tafel 21 der Scivias. Die einzelnen Gebäudeteile sind eindeutig diesem System zugeordnet. Seitl. gezeichnetes Kreuz (Hildegard Zeitschrift 135).

In Hildegards Alterswerk (Liber Divinorum Operum LDO) ist im Gegensatz dazu aber in der fünften Schau Osten und Westen gegenüber der biblischen Betrachtungsweise vertauscht. Noch 1472 zeichnete Isidor von Sevillas eine Seekarte, auf der der Osten oben steht. Offenbar konnte sich dieses System aber nicht durchsetzen, so dass man später weltweit wieder auf das ursprünglich biblische System zurückkam.

Bilderläuterung

Wie ist also im ersten Teil des LVM die Hauptperson: „der Mann" zu platzieren, der dem Osten zugewandt ist und nach Osten und Süden schaut? Die weiteren Teile des Werkes beginnen stets mit dem Mann, der sich jeweils anderen Himmelsrichtungen zuwendet. Mein Entschluss war, die Figur in ihrem von Hildegards anfangs beschriebenem Wolkenkreis in unserer gewohnten Vorstellung anzuordnen.

Im Liber Vitae Meritorum (LVM) kann man den Beginn von Hildegards Visionen „Ich sah einen Mann . . ." als Ouvertüre zu ihrem Gesamtwerk sehen. Das Buch behandelt den Kampf zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht, Belohnung und Strafe, Reue und Buße. Hildegard beschreibt dies wie eine dramaturgische Theatervorstellung, in dem Mischwesen als Menschen mit tierischen Körperteilen ihre lasterhaften Vorstellungen und Handlungsweisen kundtun.

Gleich zu Beginn beschreibt Hildegard einen gewaltig großen, in Wolken stehenden Mann, und erklärt: „Mit Recht wird Gott „Mann" genannt, weil alle Kraft und alles, was da lebt, ausgeht von ihm." LVM S. 39 Die Seite 39 stimmt mit der im Lit.Verz. angegebenen überein.

Er steht in einer Lichtwolke mit Sonne und Mond und einer Schar auf die Ewigkeit wartenden Seligen. In einer Feuerwolke sind Feuergeister dieser Welt zu sehen. Im gesamten Bild sehen wir gute und böse Gestalten aus Hildegards Visionen.

In der Einführung des LVM vermutet der Übersetzer Prof. Schipperges einen Bezug auf Jesaja 42,13, weil der Prophet im Hinblick auf Gott sagt „Der Mann zieht aus wie ein Held". Deshalb habe ich als Gottes-Figur den David von Michelangelo gewählt.

Die Lichtwolke habe ich über einer Sturmwolke angesetzt; sie korrespondiert so besser mit der zuerst erwähnten „blendend weißen Wolke". Außerdem wird die Sturmwolke von Hildegard im Süden angesiedelt, also unter der Lichtwolke, die sich vom Osten bis zum Norden hinzieht, also eher höher, da dort auch Mond und Sonne ihre Bahn ziehen. Der Löwe im Mond taucht immer wieder zu verschiedenen Anlässen auf. Ihnen gemeinsam ist: Der Löwe brüllt, dass er die Laster im Feuer des heiligen Geistes vertilgen werde. (LVM S.116)

Gott setzte einst gegen Luzifer die Sonne zur Erleuchtung der Erde ein; und er setzte den Mond ein, der alle Düsternis gegen seine Nachstellungen erhellen sollte. Deshalb folgt der Mond der Bahn der Sonne. Gott stieg wie ein Steinbock den Berg der Tugendkräfte und Wunderwerke hinan, durch die Er den Teufel überwunden und dessen Macht zertrümmert hat. (LVM S.116). Es ist die einzige Stelle an welcher der Steinbock außer im Eingangstext wörtlich erwähnt wird.

Mit den feurigen Lebewesen in der Feuerwolke könnte das Gericht Gottes gemeint sein mit den härtesten Strafen aus dem Ort der Strafen und Läuterungen (5. Schau aus LDO S.193- die Jenseitsräume)

Die Federn/ Flügel auf einer Tafel liegend - zu finden in der Scivias-Miniatur Tafel 27 „Säule der Dreieinigkeit" - „symbolisieren die Pharisäer". Nach Sr.Caecilia Bonn OSB sind dies „alle, die versuchen, im Selbstvertrauen auf sich selbst zu bauen und hoch in den Himmel hinaufzusteigen. Sie werden weggeblasen" Caecilia Bonn: Im Herzen der Schöpfung S.98 alt und 102 neu. Sie wollten in eigener Kraft die Himmel überfliegen, aber die Macht der Dreieinigkeit schnitt sie ab und verstreute sie in alle Winde (Scivias S.274

In der Sturmwolke wandelt die Schar der Seligen vor Gottes Gerechtigkeit (Scivias Tafel 17), unter ihnen auch die 35 Tugenden (Gotteskräfte), welche der List und Falschheit und den trügerischer Einflüsterungen standhalten.

Eine schwarze Finsternis steigt von Westen auf und stellt sich der lichten Wolke entgegen, kommt aber nicht weiter, denn die Gestalt des Mannes ist unüberwindbar.

Links im Bild oder im Westen inmitten der Finsternis sind die verlorenen Seelen (Scivias Tafel 16), die sich vom Lobgesang der Seligen abgewandt haben, da sie mit ihnen nichts zu tun haben wollten. Die Körper erscheinen schattenhaft, die Seelen finster, lau ihr Glaube, schwach ihre Überzeugung. Vor lauter Zweifel schauen sie die große Helligkeit der Sakramente nicht. In ständigem Kampf zwischen Seele und Leib hat der große Verführer mit dem Tiroler Hut ihnen gegenüber mit seinem winkenden Finger und dem Bocksfuß leichtes Spiel (Scivias Tafel 18).

Innerhalb der Finsternis dehnt sich eine andere Wolke aus. Elend und fahl ohne jegliche Freude und Zivilisation - wüstenähnlich. In ihr tummeln sich tyrannische Terrorgestalten -ähnlich gezeichnet wie auf der alten LVM Umschlagseite. Diese teuflischen/ verführerischen Wesen stellen sich gegen die Menschheit und deren Werte mit tödlichem Hass und versuchen ihre Herrschaft zu etablieren. Sie bedienen sich dabei einer Religion, so wie schon die Kreuzzügler und die Inquisiteure des Mittelalters sich des Christentums bedient haben, um unter dem Vorwand „im Namen Gottes" zu morden und zu verbrennen. Aber vor dem Manne müssen alle diese Gestalten erröten.

Der Teufel als die alte Schlange muss noch erwähnt werden. Weil sie der himmlischen Glorie verlustig ging (1. Mose 3,14), gönnt sie auch den Menschen ihren Glauben nicht. Also sät sie hasserfüllt eine finstere Verschwörung unter den Menschen aus, damit sie einander vernichten und stößt dabei ihren giftigen Geifer gegen die Menschen aus, einen abscheulichen Nebelschwaden, aus dem nach und nach die von Hildegard beschriebenen 35 Laster hervorbrechen. Beginnend mit der Liebe zum materiellen Reichtum (Amor saeculi) bis zum Weltschmerz/Depression (Tristitia).

Aufgrund des immer mehr zunehmenden Neides und Konkurrenzdenkens in der Welt, möchte ich besonders das 34.Laster, die Avaritia *), die Habsucht bzw. Besitzgier, nennen. Die Figur für Habsucht/Besitzgier ist in Anlehnung an Prof. Hans Meyers Avaritia gezeichnet. Sie ist angetan mit einem schwarz-weiß gestreiften Hemd und einem Umhang. Der Kopf ist kahl mit vorquellenden, gierigen Augen. Als Hände hat sie Eisenkrallen, und ihre blutigen Beine sind von bösem Gewürm angebissen. Von einem nahestehenden Baum fallen Früchte aus Pech und Schwefel, die sie mit ihren Krallen ergreift und gierig verschlingt.

Die Besitzgier, [Geiz, neu Habsucht] vom Latein ins Deutsche übersetzt spricht: „Ich bin doch kein Narr!... Ich raffe alles an mich und sammle alles in meinem Schoß... Auch liegt ja keine Schuld darin, dass ich einem anderen seine Schätze nehme, wo er sowieso schon mehr hat als er braucht... Was sollte mich auch schädigen? Ich bin doch kein Dieb und schon gar kein Räuber! Ich nehme mir nur, was ich will, und eigne es mir an durch meine Geschicklichkeit."S.226 LVM/ neu 265.

Aus dem Chor der Seligen in der Sturmwolke antwortet ihm die „Tugend der reinen Genügsamkeit ..: O du verteufelte Hinterlist! Wie ein Wolf lauerst du auf Beute, und das Eigentum der anderen verschlingst du wie ein Geier. Gewaltige Eiterbeulen brechen aus dir heraus, da du mit deinen unerlaubten Gelüsten belastet bist wie ein Kamel mit seinen Höckern .." S.227LVM alt / neu zu finden S.265.

Anmerkung: Den von Hildegard dargestellten Kampf zwischen Tugenden und Lastern gibt es mancherorts zu sehen: so auch an meinem Wohnort in Konstanz, im „Haus zur Kunkel", Münsterplatz 5. Die sog. „Weberfresken" entstanden um 1320.

Literatur

Caecilia Bonn: Im Herzen der Schöpfung 1997/ neu aufgelegt 2013:Hrs. Abtei St. Hildegard

*) Hertzka, Strehlow: Handbuch der Hildegard Medizin, Bauer Verlag Freiburg 1987; Avaritia S. 213 mit einer

Zeichnung von Professor Hans Meyers

Hildegard v. Bingen:

  • Wisse die Wege, Scivias, Otto Müller Verlag Salzburg 7. Aufl. 1981, auch neu übersetzt Hrs. Abtei St. Hildegard
  • Welt und Mensch, Liber Divinorum Operum, Otto Müller Verlag Salzburg 1965, neu übersetzt Hrs. Abtei St. Hildegard
  • Der Mensch in der Verantwortung, Liber Vitae Meritorum, Otto Müller Verlag Salzburg, 2. Auflage 1985, neu übersetzt Hrs. Abtei St. Hildegard

Der Diplombiolge Wolfgang Gollwitzer lernte die Hildegard-Heilkunde 1960 kennen. Damals stellte sein Vater, Nikolaus Gollwitzer Dr. med. G. Hertzka als freien Mitarbeiter ein, aber erst 1984 begann Wolfgang Gollwitzer mit Dr. Hertzka zusammen die Rezepturen aus der Causae et Curae und Physica in größeren Stückzahlen zu fertigen. Zu diesem Zeitpunkt stellte das pharmazeutisch mittelständige Unternehmen schon seit 1925 pflanzliche Arzneien her, so dass gleich zu Anfang der Hildegard-Heilmittel-Produktion eine langjährige Pflanzenerfahrung vorlag. Sowohl Wolfgang Gollwitzer als auch nun Sohn Dr. Jürgen Gollwitzer (Fachapotheker für pharmazeutische Analytik) garantieren für eine hochwertige Qualität des Sortiments. Die im eigenem Labor durchgeführten Qualitäts- und Identitätsprüfungen zeigen, ob wirklich die richtigen heilkräftigen Pflanzen geliefert werden, z.B. ob eine Bärwurzlieferung mit dem wesentlich billigerem Liebstöckel verschnitten ist, der vordergründig gleich riecht und schmeckt. Oder beim Galgant gibt es bis zu 250 verschiedene Arten aber nur die Alpinia officinarum hat als Universalmittel die Heilwirkungen und Kraft.

Allein auf Produktverpackungen kann der Laie den Unterschied nicht erkennen, denn die Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung untersagt lateinische Bezeichnungen und Belobigungen. Eine klare Unterscheidung wird dadurch leider verhindert und deshalb benötigen die Verbraucher Vertrauen zum Hersteller.